Konzept

Konzept für ein Kolloquium am 7./8.10.2017 an der Gakushuin Universität Tokyo zum Thema

West-östliche Raumfigurationen: Wohnen – Unterwegssein

Das Kolloquium soll das Spannungsfeld von Wohnen und Unterwegssein aus inter- und transkulturellen Perspektiven in den Fokus rücken. Leitend bei dieser thematischen Fokussierung sind u. a. Überlegungen Henri Lefebvres zur Herausforderung bzw. Gefährdung des bewohnbaren Raumes (etwa in der Stadt) durch eine fortschreitende Zersplitterung von Grundstücken oder Parzellen bzw. die fortschreitende Privatisierung von öffentlichen Räumen. Wenn der Raum als ein gesellschaftlich-öffentliches bzw. soziales Produkt angesehen werden kann (vgl. dazu auch die Raumsoziologie Löws), so ist aber auch im Prozess seiner ökonomischen Nutzung ein fortschreitendes Verschwinden dieses Öffentlich- und Zugänglichseins zu konstatieren. Hier stellt sich die Frage nach Möglichkeiten von differentiellen bzw. alternativen ‚neuen Räumen‘ (Gegen-Räumen) und neuen Raumfigurationen, die eine solche Bewohnbarkeit ermöglichen könnten.

Grundsätzlicher noch soll aus der inter- bzw. transkulturellen west-östlichen Perspektive die Frage nach dem Wohnen als kulturellem Konzept überhaupt gestellt werden. Das Wohnen, welches in einigen westlich-philosophischen Entwürfen eine privilegierte Stellung in Hinsicht auf die menschliche Existenz überhaupt genießt (z. B. bei Heidegger), ist in Japan möglicherweise in ganz anderer Weise konzeptualisiert und realisiert, z. B. ‚beweglicher‘ (vgl. hierzu als ersten Ansatz Watsujis Ausführungen zum japanischen ‚Haus‘). Die Reflexion über diese kulturelle Differenz könnte zu Überlegungen in Hinsicht auf eine Neu-Gestaltung des Verständnisses von Wohnen überhaupt führen, welches dann weniger in Opposition zu möglichen Gegenbegriffen (wie ‚Unterwegssein‘, ‚Migration‘ o. ä.) zu denken wäre, als vielmehr durch diese Gegenbegriffe verändert. Somit könnte sich in der Tat „Flucht als größte Chance für das Wohnen“ (vgl. Rajakovics) bzw. für die Entwicklung von neuen Wohnkonzepten oder auch Zwischenformen von Wohnen und Unterwegssein (wie es das Wohnen im Hotel ja schon lange ist) erweisen. Literatur, Kunst, Theater, Medien, Architektur etc. wären nicht nur daraufhin zu befragen, inwieweit sie an solchen sozialen und politischen Entwicklungen teilnehmen, sondern auch, inwieweit sie Imaginations- und Vorstellungsbereiche für neue Wohn- und Unterwegsseinsformen antizipieren bzw. performieren.

Neben theoretischen Überlegungen zum Themenkomplex Wohnen / Unterwegssein, die sich mit dafür relevanten Raumtheorien verbinden könnten (vgl. z. B. den Raum des ‚Sesshaften‘ und denjenigen des ‚Nomaden‘ bei Deleuze / Guattari), sollen in den Beiträgen des Kolloquiums auch konkrete medial-literarische Umsetzungen dieses Themenkomplexes aus einer primär inter- bzw. transkulturellen (‚west-östlichen‘) Perspektive aufgenommen bzw. zumindest Möglichkeiten des Anschlusses dieser Perspektive aufgezeigt werden.

Aus der Ankunft von Fremden, seien es Reisende oder Flüchtende, die zwischen verschiedenen Kulturen unterwegs sind, ergibt sich die Aufgabe, den Umgang mit ihnen zu gestalten. Vor diesem Hintergrund sind Beiträge von Interesse, die sich der Organisation und Imagination von Zonen der Hospitalität widmen. Willkommen sind Untersuchungen, die anhand urban verdichteter Räume die diskursive Regulierung der topologischen Relationen zwischen öffentlichen Gebäuden, den Häusern für die Autochthonen und den für die Allochthonen reservierten Räumen analysieren. Von besonderem Interesse sind dabei die konkreten architektonischen Dispositive, die ihre Benutzer und Bewohner zu unterschiedlichen Praktiken im Raum veranlassen.

West-östliche Raumfigurationen haben sich tief in kulturelle Topographien eingeschrieben. Vom Land bis hin zum Wasser konstituieren sich in diesem Beziehungsgeflecht verschiedene interkulturelle Verbindungsräume. Geopolitisch scheint Westeuropa dem Atlantik, Ostasien hingegen dem Pazifik zugewandt zu sein. Was in der deutschen Kultur im Zusammenhang mit der kontinentalen Lage als ‚Ausland‘ wahrgenommen wird, fasst man in Japan aufgrund der Insularität als Orte, die in ‚Übersee‘ (kaigai) liegen. In diesem Zusammenhang sind auch die west-östlichen Kulturtransfers von Interesse, die sich in Hybridisierungen niederschlagen und so die imaginären Geographien, in denen Okzident und Orient voneinander abgegrenzt werden, immer wieder in Frage stellen.

Literaturhinweise:

  • Deleuze, Gilles / Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, 6. Aufl., Berlin 1992 [1980].
  • Heidegger, Martin: Bauen Wohnen Denken [1952], in: M. H.: Vorträge und Aufsätze, 11. Aufl., Stuttgart 2009, S. 139-156.
  • Lefebvre, Henri: The Production of Space, Oxford u.a. 2016 [1974].
  • Löw, Martina: Space Oddity. Raumtheorie nach dem Spatial Turn, in: sozialraum.de 7 (2015) Ausgabe 1.
    https://www.sozialraum.de/space-oddity-raumtheorie-nach-dem-spatial-turn.php
  • Watsuji, Tetsuro: Fūdo – Wind und Erde. Der Zusammenhang zwischen Klima und Kultur, Darmstadt 1992 [1935].
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