Abstracts

Andreas BECKER (Tokyo)
In Bildern wohnen. Mensch und Haus bei Yasujirō Ozu
Im Gegensatz zum Hollywood-Film, bei dem der Erzählraum vom Menschen her konzipiert ist, fungiert bei Yasujirō Ozu der architektonische Raum des Hauses als Ordnungsprinzip. Dabei sind die von Ozu dargestellten Wohnräume, Restaurants und Gaststätten nachgebaute Kulissen. Gegenüber den realen Bauten werden diese mit subtilen Lichteffekten, Perspektivwechseln und Stilmerkmalen versehen. Die Menschen in seinen Filmen ›wohnen‹ in Bildern, da diese Versinnlichung zu einem Hintergrundmerkmal der gesamten Narration wird. Der Raum ist responsiv, reflektiert nicht nur in seiner Ausstattung, sondern auch auf feinste Art in seiner ästhetischen Inszenierung die Menschen. Die Eigenart der Protagonisten besteht auch darin, dass sie in dieser gebauten Phantasiewelt, einem Kulissenbild, hausen. Durch diesen Rückbezug auf die japanische Architektur mit ihren Besonderheiten (shōji, Veranda, Ausrichtung des Hauses, Holz als Baumaterial) erschließt sich auch Ozus filmischer Stil – und die Differenz gegenüber dem westlichen Film – neu.

Mechthild DUPPEL-TAKAYAMA (Tokyo)
Unverbindliches Wohnen in der japanischen Gegenwartsliteratur: Kitchen und Konbini ningen
Der japanische Philosoph Watsuji Tetsurō (1889-1960) betont in seinem 1935 veröffentlichten Werk Fūdo – Ningengaku-teki kōsatsu (dt. Fūdo – Wind und Erde. Der Zusammenhang zwischen Klima und Kultur, Darmstadt 1992) den grundsätzlichen Unterschied zwischen europäischem und japanischem städtischem Wohnen. Ersteres sei gekennzeichnet durch Wohneinheiten, deren Hausgänge die Funktion einer Straße einnähmen ebenso wie die Straßen der Stadt als Gänge im gemeinschaftlich genutzten öffentlichen Raum fungierten. Dagegen stellten Hauseingang oder Wohnungstür in Japan „eine eindeutige Grenze zwischen Haus und Straße, zwischen Innen und Außen dar.“ (Watsuji 1992: 145). In der Wohnung selbst seien die jederzeit öffenbaren Schiebetüren ein Zeichen für das fehlende Bedürfnis, sich von den Mitbewohnern abzugrenzen. Das Haus als „eine kleine Welt distanzloser Innigkeit“ (146) ist damit ein exklusiver Raum für die Familie, denn dass die Mitbewohner gleichzeitig Familienangehörige sind, setzt Watsuji selbstverständlich voraus, und er betont darüber hinaus, dass diese Charakteristika des japanischen Hauses auch in den modernen „europäischen“ Wohnungen der Städte in Japan erhalten geblieben seien.
Anschließend an diese Überlegungen Watsujis stellt sich die Frage, ob bzw. wie sich die sozialen Entwicklungen in der Folge auf dieses traditionelle Konzept des Wohnens auswirkten. Im Vortrag werden dazu zwei Erzähltexte analysiert, die in ihrer Erscheinungszeit jeweils neue und zugleich repräsentative Wohnformen thematisieren. Für die Periode der Bubble-Wirtschaft die Erzählung Kitchen (1988) von Yoshimoto Banana (geb. 1964), in der die Wohnung einen scheinbar unverbindlichen, gleichwohl geschützten Raum darstellt: unverbindlich durch die Abkehr von familiengebundenem Wohnen, geschützt durch die gegenseitige Sympathie, die den Gast zum Mitbewohner werden lässt. In Konbini ningen (2016) von Murata Sayaka (geb. 1979) dagegen ist die Unverbindlichkeit ins Extrem gesteigert. Hier wird ein Fremder in die Wohnung aufgenommen, die auch für die Besitzerin kein Heim darstellt. Stattdessen übernimmt der Arbeitsplatz die Funktion des geschützten Raumes – eine Umkehrung herkömmlichen Wohnens, die wohl nicht nur in der Gegenwart japanischer Städte zu finden ist.

Kosuke ENDO (Tokyo)
„Sanka“ als Diskursfigur der japanischen Modernisierung(skritik)
„Sanka“ – die summarische Fremdbezeichnung für die Bevölkerungsgruppen, die sich im Gebirge umherbewegen und im Zelt oder in der Grotte wohnen – wurde in Japan am Anfang des 20. Jahrhunderts ‚entdeckt‘: von der Polizei als schwer erfassbare Kriminelle; von der sich neu entwickelnden Volkskunde als eine der Figuren, die sich lange innerhalb des japanischen Inlands befinden und/aber außerhalb der japanischen Tradition stehen; schließlich von der Trivialliteratur als geeignete Stoffe für die fingierte ‚wahre Geschichte‘. Hinter der ‚Entdeckung‘ stand aber auch das Bemühen um den Aufbau des flächendeckenden Familienstammbuchsystems und somit um die ausnahmslose Registrierung des japanischen Volkes – das Bemühen, das als Instrumentarium zur Bildung des modernen Nationalstaats anzusehen ist. Insofern Personen, die den „Sanka“ zugerechnet wurden, weder im Familienstammbuch eingetragen wurden, noch somit einen festen Wohnsitz nachweisen konnten, wurde „Sanka“ sowohl als eine innere Gefahr für die Staatssicherheit und die Gesellschaft als auch als die Figur angesehen, deren Ungebundenheit nicht zuletzt die zeitgenössischen Intellektuellen zur Sehnsucht nach der Freiheit von der Staatsgewalt anregte.

Reika HANE (Tokyo)
Beziehungen auf Zeit. Hotelgesellschaft in Minae Mizumuras Shinbun-shōsetsu. Haha no isan (Zeitungsroman. Erbe der Mutter)
Minae Mizumuras Shinbun-shōsetsu. Haha no isan (Zeitungsroman. Erbe der Mutter) ist ein Fortsetzungsroman, der zuerst in der Yomiuri Shinbun (2010–2011), später als Buch (2012) veröffentlicht wurde. Es ist die ernüchterte Geschichte von der Scheidung einer Frau in ihren Fünfzigern, die sich zudem damit konfrontiert findet, ihre Mutter pflegen zu müssen – eine Geschichte, deren Hauptfigur, wie es in Shinbun-shōsetsu heißt, »nicht eimmal zur Romanprotagonistin taugt« im Unterschied zu Emma Bovary, Anna Karenina oder Miya Shigisawa, der Heldin von Kōyō Ozakis Fortsetzungsroman Konjiki yasha (Der goldene Dämon, 1897–1902, ebenfalls in der Yomiuri Shinbun erschienen).
In der Mitte des Romans, nach dem Tod der Mutter, schickt Mizumura ihre Protagonistin in ein Hotel im Badeort Hakone. Die Erzählung verfolgt den Aufenthalt von acht Menschen, die einander zunächst nicht kennen, während einer Periode von zehn Tagen. Während sie sich wiederholt sehen – zufällig, ohne Verabredung, aber einigermaßen geregelt durch die Räumlichkeiten des Hotels und dessen Tagesrhythmen –, entwickelt sich eine temporäre Gesellschaft abseits des alltäglichen sozialen Lebens, die durch das Zugleich einer Intimität und einer Distanz gekennzeichnet ist (im Kontrast zu den dichten Familien- und Paarbeziehungen der ersten Romanhälfte sowie den oben genannten Romanen über Liebesverrat und Ehebruch). Im Anschluss an Roland Barthes’ Wie zusammen leben, das verschiedene Formen und Facetten des Zusammenlebens in kleineren Gruppen anhand der Literatur untersucht, wird es in meinem Vortrag um diese Situationen und die Beziehungen der Figuren gehen, die auch wie Reminiszenzen zu Hotel-Geschichten in der europäsichen Literatur um 1900 anmuten.

Mariko HARIGAI (Tokyo)
Ort der Gespenster. Klänge und Stimmen in Time’s Journey Through a Room von Okada Toshiki
Okada Toshiki ist der japanische Regisseur und Dramatiker, der als Leiter der Theatergruppe „Chelfitsch“ seine eigenen Theatertexte inszeniert und in Europa als einer der wichtigsten gegenwärtigen Regisseure gilt.
Seit 2011, dem katastrophalen Erdbeben im Ostjapan, versteht Okada unter der realen Welt die wirkungsreichste Fiktion und versucht, sie durch die theatrale Fiktion zu untergraben. Gleichzeitig bemüht er sich darum, einen theatralen Ort zu erzeugen, an dem Imaginationen erst von den Zuschauern/Zuhörern fertiggestellt werden. Eben an diesem Ort findet die Untergrabung der realen Welt statt. In diesem Kontext hat er bisher 3 Stücke produziert, in deren Titeln bereits Örtlichkeiten zu lesen sind: Current Location (2012), Ground and Floor (2013) und Time’s Journey through a Room (2016). In dem letzten Stück, das dieser Vortrag behandelt, träumt eine gestorbene Frau eine Zukunft von Japan, in der ihr noch lebender Mann nicht lebt, indem sie als Gespenst in seinem Zimmer bzw. an seinem Wohnort erscheint. Wie der Titel des Stücks andeutet, wird der Ort, der als ein Wohnzimmer scheinbar stetig auf der Bühne ausgestattet liegt, ständig zur Bewegung gebracht. Diese Bewegung wird nicht physisch, sondern durch die theatrale Fiktion erzeugt, die nicht nur durch den Eintritt der dramatischen Figur des Gespenstes, die von einer alternativen Zukunft erzählt, sondern auch durch weitere Elemente hergestellt wird: Hier vor allem durch akustische Elemente.
Dieses Stück wurde in Zusammenarbeit mit dem Soundkünstler Hisakado Tsuyoshi konzipiert, der für seine Sound-Installationen bekannt ist, die Erinnerungen bei den Zuhörenden erwecken. Hisakado hat für dieses Stück einen Klangteppich kreiert, der weder die realistischen Soundscapes irgendeines bewohnten Zimmers repräsentiert, noch als banale Hintergrundmusik die Aufführung schmückt, sondern der die im Alltag nicht wahrnehmbaren Ereignisse spüren lässt und dadurch mit der realen Welt kollidiert.
Die durch Geräusche, Klänge der Sound-Installation und Stimmen der Schauspielerinnen erweckten Imaginationen lassen die zuhörenden ZuschauerInnen an dem theatralen Ort die „Journey“ unternehmen.

Eriko HIROSAWA (Tokyo)
„Das Haus im Wald“ in Kenzaburō Ōes Roman Sui-shi (Death by Water)
Im Roman Sui-shi (2009, 2015) steht ein in Tokyo ansässiger alter Schriftsteller, Kogito Chōkō, im Mittelpunkt, dessen Karriere von stetem Unterwegssein auf dem Globus und regem Austausch mit Künstlern und Intellektuellen aus verschiedenen Kulturen geprägt ist. Anhand dieses Textes soll in meinem Vortrag exemplarisch ein literarisches Raum- und Wohnkonzept hinterfragt werden, das eine klare Grenzziehung zwischen „östlichen“ und „westlichen“ Raumfigurationen ins Schwanken zu bringen scheint.
In der komplexen Handlung versucht Kogito, der als Ich-Erzähler fungiert, zum einen die Vergangenheit seines Vaters in der Kriegszeit nachzuvollziehen. Zum anderen wird sein Blick aber auch auf die Zukunft und die jüngere Generation gerichtet. Vor diesem Hintergrund treten mehrschichtige Räumlichkeiten zu Tage. Der relativ ländliche Wohnsitz in Tokyo korrespondiert mit einem Haus in der Heimat in Shikoku, das von der Familie extra als „das Haus im Wald (mori no ie)“ bezeichnet wird. Die beiden Häuser werden nicht nur kontrastiv gegenübergestellt. Gewässer, Bäume und Pflanzen in der jeweiligen Umgebung sowie zwischenmenschliche Verhaltensweise im Haus gestalten vielmehr die Verwandtschaft der beiden räumlich weit auseinanderliegenden Wohnhäuser in Stadt und Land. Um das Wohnkonzept im Text zu veranschaulichen, ist es hilfreich, den Begriff „Discreteness“ des japanischen Architekten Hiroshi Hara heranzuziehen. Mit der „Diskretheit/Eigenständigkeit“ verweist Hara nicht auf eine Art „one-man-city“, sondern auf eine angenehme Kondition von „Allianz und Bruch (alliance and rupture)“ der Menschen und eine neue „vertraute Nachbarschaft (accustomed neighbourhood)“ in den vormals voneinander getrennten Gegenden.
Befragt werden soll vor allem noch die Wassermetaphorik der imaginiert-erinnerten Räume, die eng mit Tod und Wiedergeburt verbunden ist. Dem Roman liegt ein Gedicht von T. S. Eliot zugrunde („Death by Water“ aus The waste Land). Der Vater Kogitos, der kurz vor dem Kriegsende 1945 im Hochwasser ertrunken war, hatte sich scheinbar an die damalige regionale ultranationalistische Gruppierung angeschlossen. Näheres war in der Familiengeschichte tabuisiert und blieb im Dunklen. Durch den Einbau europäischer Musik (J. S. Bach), Literatur und Mythen (J. Frazer) in den Text wird die Kriegs- und Nachkriegszeit im japanischen Heimatdorf aus der Sicht Kogitos mal poetisch, mal emotional überladen geschildert. Das Nebeneinander der japanischen und fremden Sprachen, dessen Effekt in der englischen Übersetzung verloren geht, visualisiert möglicherweise die Mehrschichtigkeit der voneinander getrennten, jedoch überlagerten Zeit und Räume.

Alexander HONOLD (Basel / IFK Wien)
Inklusion/Exklusion: Zur Ambivalenz des Hauses (Stifter, Kafka, Musil)
Das Haus ist ein räumliches Grundmodell topologischen Denkens; es definiert die  Mensch-Natur-Beziehung durch den Gegensatz von Basis und Überbau, reguliert die Sozialverhältnisse anhand der Unterscheidung von öffentlich und privat und stiftet die generationenübergreifende Kontinuität eines Erbschafts- und Traditionszusammenhanges. An drei Erzähltexten werden die Implikationen und Spielräume dieser oikologischen Raummodellierung nachgezeichnet. In Adalbert Stifters Der Hochwald (1841) bringt die Sorge um das Haus eine fatale Handlungskette von Exzentrik, Emigration und Extinktion in Gang; in Kafkas Der Bau (1924) wird die verhängnisvolle Dualität von Abschottung und Projektion zur Triebkraft eines paranoid perfektionierten Weltentwurfs; für Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (1930) wird das Domizil des Protagonisten zur symbolischen Synopse eines eklektischen Zeitalters. Dabei zeigt sich die in drei besprochenen Texten etabliere Raumsemantik auch abhängig von den Dispositionen der jeweiligen Figurenperspektive und Erzählstrategie.

Ryu ITOSE (Tokyo)
Raum für die Toten und die Lebenden. Das „geheime Deutschland“ bei Ernst Jünger
Unter den Kritiken, die bis jetzt an Ernst Jüngers Essay Die totale Mobimachung (1930) geschrieben worden sind, ist die Kritik von Walter Benjamin die bekannteste. Benjamin formulierte seine Kritik an dem Essay Jüngers mit verschiedenen Punkten. Erstens sei es Jünger in dem Essay gelungen, sich der Realitäten des ersten (und kommenden) Weltkriegs zu bemächtigen, wie denen in den Aufsätzen in dem von Jünger herausgegebe Sammelband Krieg und Krieger. Zweitens ist der Essay Die totale Mobilmachung auch ein Produkt aus „lasterhaften Mystizismus“. Dazu kommt der wichtigste Punkt der Kritik von Benjamin. Seine Kritik zielt auf Jüngers Begriff des „geheimen Deutschlands“. Jünger stellt in seinem Essay diesen Begriff neben andere Begriffe wie „das ewige Deutschland“ und „das geheime Reich“. Er sucht in seinem Essay den Glauben an dieses Land und stellt diesen Glauben dem „Kultus des unbekannten Soldaten“ in anderen zivilisierten Nationen, wie man z. B. bei dem Grab eines unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen in Paris sehen kann, entgegen. Jünger behauptet auch, dass jener von ihm angegebene Glaube nur bei dem „verlorenen Kriegsdeutschland“ möglich sein kann. Für Deutschland war es wichtig, dass es im ersten Weltkrieg verloren hat. Durch dieser Behauptung lässt sich auch der Essay Die totale Mobilmachung Jüngers für eine der „Kulturen der Niederlage“ (W. Schivelbusch) betrachten.
Vor diesem Hintergrund fragt der Vortrag erstens nach dem Raum, den Ernst Jünger als das „geheime Deutschland“ konstruieren will und zweitens nach der Funktion dieses „geheimen Deutschlands“ in Jüngers Essay Die totale Mobilmachung und in der späten Weimarer Republik.

Markus JOCH (Tokyo)
Warum Hasekura und Pater Velasco weit reisen, aber in Deutschland nicht recht ankommen (Shūsaku Endō: Samurai)
Erst kürzlich wurde Endōs 1980 im Original erschienene Erzählung für eine Fülle an First-Contact-Szenen und interkulturellen „Perspektivenwechsel[n]“ ausgezeichnet (W. Ruprechter). Den Handlungshintergrund gibt das europäische Expansionsstreben im ostasiatischen Raum um 1600 ab; den japanischen wie den spanischen Protagonisten, die gleich zwei Ozeane durchmessen, beschleicht mit ihrer Maximalbewegung im Raum die klassische Verunsicherung durchs Andere, auch liegt der Roman seit bald drei Jahrzehnten in deutscher Übersetzung vor. Man sollte annehmen, er zähle zu den Zentraltexten deutschsprachiger Postcolonials. Warum ist dem nicht so, mit besagter Ausnahme? Der Vortrag benennt (weitere) Gründe für die Kanonisierbarkeit des Werks und danach die präsumtiven Hürden seiner Rezeption.

 Kikuko KASHIWAGI-WETZEL (Osaka)
Passageres Wohnen: Das Hotel als Transitzone
Das Hotel ist immer ein Gesicht der Stadt sowie der Gegend. Es präsentiert eine örtliche Charaktere. Die Besucher werden nach der von ihnen gewählten Unterkunft kategorisiert und die Hotelgäste sind ihrerseits innerhalb des Hotels nach dem gewählten Zimmertyp klassifiziert. Ein luxuriöses Hotel, das als Ergebnis der Industrialisierung und der Urbanisierung entstanden ist, zeigt den Ort, in dem die kapitalistischen materialen Faktoren und ästhetischen Präsentationselemente zusammen treffen. Dieser Ort bietet den Gästen ein flüchtiges Zuhause an, das häufig mit theatralischen Raumerlebnissen verbunden und somit von dem bodenständigen Alltag abgesondert ist. Das Hotel fungiert als gesellschaftlicher Schauplatz und der befindet sich als Transitzone im Nicht-Stillstand.
Der Vortrag versucht, die räumliche Symbolik in dieser Institution sowie die dramatisch inszenierten oder inszenierbaren Gestaltungen der Kulissen, zumal der räumlichen Besonderheiten, zu erhellen. In Betracht kommen der Heimkehrer-Roman des Schriftstellers, der die meiste Zeit seines Lebens im Hotel lebte, nämlich Hotel Savoy von Joseph Roth, und der typische Hotelroman in den zwanziger Jahren Menschen im Hotel von Vicki Baum, der durch die Verfilmung mit Greta Garbo einen großen Erfolg in Hollywood erlebte. Außerdem werden auch neuere Filme, die im Hotel spielten, erwähnt.

Wakiko KOBAYASHI (Tokyo)
Wohnen und menschliches Leben: Überlegungen zur Stimme in den Hörspielen Gare maritime von Ilse AICHINGER und Yamamba von TERAYAMA Shuji
Das Thema des Wohnens behandelte Aichinger immer wieder, in Formen von gehen, um zu bleiben bzw. halten, um zu behalten. Für Aichinger, der in den 1930er und 40er Jahren als „jüdischer Mischling ersten Grades“ in Wien mehrere Wechsel des Wohnorts aufgezwungen wurden, war die Frage in Bezug auf das Thema alles andere als leicht zu beantworten. „Wo ich gewohnt habe“, sagt Ellen im Roman Die größere Hoffnung, „war ich noch nie zu Hause.“ So unterscheidet die Schriftstellerin, die Verfolgung und Vertreibung überlebte, das Wohnen vom Zuhausesein.
Was bedeutet das eigentlich, wohnen, ohne zu Hause zu sein? Ist das etwa mit dem Leben eines homeless vergleichbar, der kein Zuhause hat? Kann man aber überhaupt auf der Straße „wohnen“? Wenn der Begriff des Homeless für jemanden verwendet wird, der nicht nur einfach das Obdach (house) verloren hat, sondern auch das Zuhause (home), so kann man sich wohl bezüglich des Wohnens drei Stadien vorstellen: 1. das Wohnen, wo man sich zu Hause fühlt, 2. das Wohnen, wo man sich nicht mehr zu Hause fühlt und 3. das „Wohnlose“, wo man ohne das Wohnen und Zuhause nur noch am Leben teilhat.
Im Zentrum meines Vortrags stehen zwei Höspiele, die das Verhältnis vom Wohnen und menschlichem Leben beleuchten. In Gare maritime (1977) tauchen zwei Figuren auf, die im Hafenmuseum zu wohnen scheinen und üben, nicht zu atmen. In Yamamba (1964) ist die Titelfigur eine alte Frau, die auf Kosten der Zukunft des Sohns zu Hause bleiben will: Sie muss nämlich auf einen Berg ausgesetzt werden, wenn der Sohn eine Frau zu sich nimmt, um eine Familie zu bilden. Gemeinsam ist es den Hörspielen, dass die Figuren am Ende bereit sind, auf das Wohnen zu verzichten, und nur noch als Stimme existieren – sie als Menschen zu bezeichnen, wäre sodann unmöglich. Im Vortrag wird es schließlich klar, dass die Stimme eine Schwelle zwischen Menschsein und Nichtmenschsein darstellt und, wenn nicht auf die Möglichkeit des Wohnens, so doch auf die Möglichkeit des (Über)Lebens verweist.

Minami MIYASHTA (Tokyo)
Der Garten des Mannes ohne Eigenschaften
Die Entstehung des Mann ohne Eigenschaften (1930/1932) ist mit dem Motiv Garten eng verbunden: Am Anfang der Vorarbeiten zum Roman, die Robert Musil schon 1904 unternahm, steht die Wohnungsbeschreibung der Hauptfigur, Robert. Am liebsten schaut der Junge an einem der Fenster in den Garten, wie der Mann ohne Eigenschaften, Ulrich. Gleichzeitig ist es auch beachtenswert, dass Musil sich in seinen letzten fünf Jahren konzentrisch mit den sogennanten „Garten-Kapiteln“ des Romans beschäftigte, in denen Ulrich und seine Schwester Agathe durch die sogenannten heiligen Gespräche eine mystische Erfahrung haben. Im Vergleich zu den anderen Garten-Bildern der deutschsprachigen Dichter ‒ Englischer Garten, der die Auflösung der Ordnung in der modernen Zeit symbolisiert (Goethe und Eichendorff), der Garten als reines Kunstwerk, das unabhängig von der Natur eine eigene Welt etabliert (Georg), der künstliche und phantastische Garten, in dem man das verlorene Paradies der Natur wiederfindet (Novalis, Hofmannsthal und Scheerbart), worauf Kuwahara hinweist (2012) ‒ schildert Musil den Garten sehr vielschichtig. Z. B. : „vorzivilisatorisch- mystische Urzustände“ (Fanta: 2000), „locus terribilis“ (Schin: 2007) und die „ursprüngliche Daseinsform“, in der alle bestehende Sinne aufgehoben sind (Lönker: 2002). Es sollte aber auch beachtet werden, dass der Garten bei Musil ein Wohnort ist, wo Alltäglichkeit vor allem bewahrt wird. Wie manche Briefe und Tagebücher zeigen, erkannte Musil in der Not der Kriegszeit wahrscheinlich am besten die Kostbarkeit des Alltagslebens im Garten, da er sich dort mit den wenigen Vertrauten unterhielt oder allein die Landschaft genoss. Die mystische Vereinigungserfahrung der Geschwister im Roman schließt gerade an die alltägliche, ereignislose Stimmung des Gartens an. Allerdings soll diese Neigung zur Mystik nicht als Abkehr von der schmerzlichen Realität verstanden werden. Sondern Mystik bedeutet für Musil eine Methode, die bestehenden sozialen und kulturellen Systeme radikal zu bezweifeln und zu kritisieren. Garten bedeutet deshalb bei Musil einen besonderen Ort des Wohnens, in dem die Dynamik zwischen Wirklichkeit/Möglichkeit, Innen/Außen und sogar Leben/ Tod aktiv wirkt.

Kanichiro OMIYA (Tokyo)
Auf der Brücke wohnen — Über Heideggers Bauen und Wohnen nachdenken
Martin Heideggers Vortrag „Bauen Wohnen Denken“, der am 5. 8. 1951 bei den „Darmstädter Gesprächen“ zum Thema „Mensch und Raum“ gehalten wurde, war der Versuch, über den phänomenologischen Sinn des „Bauens“ und des „Wohnens“ nachdenkend die ontologische Zusammengehörigkeit der beiden Grundelemente des menschlichen Daseins mit Hilfe seiner eigentümlichen etymologischen Überlegung zurückzugewinnen. Nur oberflächlich zeitgemäß war seine Fragestellung insofern, als in Deutschland um 1950 gerade beim „Wiederaufbau“ unter der „Wohnungsnot“ das allgemeine Interesse am „Bauen“ oder „Wohnen“ als Existenzbedingung der ganzen Bevölkerung ganz hoch gewesen war. Vielmehr erkannte Heidegger in dieser Not und Armut die Notwendigkeit des gründlichen Rückgriffs auf die „eigentliche Not“, in welcher die sterblichen Menschen eben erst zu lernen imstande seien, was „Bauen“ und „Wohnen“ hießen. So fehlt es seinen Ausführungen an jedem Berührungspunkt mit den modernen Bauunternehmungen und den praktischen Stadtplanungen, weshalb der Vortrag höchstens als Invokation für die feierlichen Eröffnung der Gespräche aufgenommen wurde, wie dies der Verlauf des Gesprächs unter den Baumeistern der 1950er Jahre vermuten lässt. Allerdings findet sich heutzutage kaum jemand mehr, der das Haus aus diesem Zeitalter bewohnen möchte. Jedes Mal, wenn die menschliche Bau- und Wohnform einen drastischen Wandel erfuhr, sind die Menschen mit einem gewissen Reuegefühl zum Nachdenken gebracht worden, nämlich darüber, wie wir überhaupt (hätten) bauen und wohnen sollen. Da gibt Heideggers ganz elementarer Gedanke im Vortrag Hinweise, die auch mit der Fragestellung unseres Kolloquiums zusammenfällt. Zwei ziemlich bedeutsame Beispiele des Bauens nennt Heidegger: die Brücke und den Schwarzwälder Bauernhof. Durch die Darstellungen beider gibt er uns unser inständigstes, von Hölderlin vorweggenommenes Schicksal zu erkennen, dass wir des Wohnens erst gewahr werden, wenn wir auf der Brücke verweilen, was unsere — wenn möglich — einzige Art des Wohnens in der Moderne ist. Wohnen können wir nämlich nur zwischen den Räumen „überschwingend“.

Thomas PEKAR (Tokyo)
Zum Innenraumdiskurs in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Transkulturelle Perspektiven
Neben sehr vielem anderen gibt es in Musils Mann ohne Eigenschaften auch Erwähnungen von Innenräumen/Wohnungen, die zum einen funktional auf den Romankontext selbst zu beziehen sind, wo sie etwa zur Kennzeichnung von Romanfiguren dienen bzw. die soziale Markierung von Figuren und Figurengruppen leisten.
Zum anderen nimmt Musil mit seinen Innenraumthematisierungen Bezug auf für ihn zeitgenössische Diskussionen um Gestaltung, Design, (Innenraum-)Architektur der 1910er/1920er Jahre, sodass man in dieser Hinsicht von einem Innenraumdiskurs sprechen kann, der hier auftaucht. Diesen zeitgenössischen Diskurs ironisiert er zwar im Roman zumeist (was ja die durchgängige Schreibhaltung, jedenfalls am Anfang, ist), doch benutzt er ihn auch affirmativ in der Weise, dass seine beiden Hauptprotagonisten, Ulrich und seine Schwester Agathe, in ihren dargestellten Innenraumnutzungsweisen traditionelle Wohnformen destruieren bzw. dekonstruieren, da sie in der Destruktion gleichzeitig neue Weisen dieser Nutzung kreieren.
In meinem Beitrag steht die These im Mittelpunkt, dass der zeitgenössische Innenraumdiskurs, den Musil aufnimmt, bereits Ausdruck einer transkulturellen Situation ist, was heißen soll, dass sich in diesem Diskurs bereits Elemente verschiedener Kulturen (der westlichen und vor allem der japanischen) in der Weise amalgamiert haben, das dieses Amalgam die „moderner Innenraumdiskurs“ genannte Einheit ausmacht. Ich will an einigen Beispielen die Japanrezeption bei der westlichen Innenraumgestaltung aufzeigen – und zeigen, dass durch diese Rezeption das traditionelle westlich-europäische Wohnkonzept in der Weise erschüttert wurde, dass die Frage des Wohnens sich für die Moderne (bzw. die Klassische Moderne, der Musil zuzurechnen ist) in ganz neuer und problematischer Weise gestellt hat.

Walter RUPRECHTER (Wien)
Patternlanguage und Konomi-Konzept. Christopher Alexanders „Eishin Campus“ als transkulturelle Raumfiguration
Der Vortrag befasst sich mit einer besonderen Methode der Raumproduktion, die der österreichisch-amerikanische Architekt Christopher Alexander an einem Schulprojekt in Japan, dem Eishin Campus der Higashino Highschool in Saitama, angewandt hat. Das Besondere der Methode besteht in der Radikalität, mit der alle Benutzer des Campus, Schüler, Lehrer, Angestellte, aber auch Anrainer, in das Projekt einbezogen wurden. Dies geschah auf der Grundlage der von Alexander entwickelten „patternlanguage“, einer Methode, den Bauprozess wie aus dem kollektiven Unbewussten der Benutzer, ihren Vorstellungen, Wünschen und Träumen, hervorgehen zu lassen und die Rolle des Architekten auf die ästhetische und technische Steuerung dieses Prozesses zu reduzieren.
Alexanders Erfolg in Japan hat vielleicht mit dieser Rücknahme von individualistischem, rationalem Konzipieren und dem „Unwillen zur Architektur“ zu tun, den Kōjin Karatani als Merkmal japanischer Bautradition ausgemacht hat. In dieser hätten nicht Architekten mit Groß-„A“ Bauwerke geschaffen, sondern Bauleute nach Stilvorstellungen von Arrangeuren, den sogenannten „Konomi“ (Geschmack, Stil, Methode), wie Arata Isozaki am Beispiel von „Enshū-Konomi“ in Bezug auf Katsura Rikyū dargelegt hat. Der Vortrag versucht, die beiden Methoden im Knoten einer „Alexander-Konomi“ zu verknüpfen und die Frage einer transkulturellen Raumproduktion auf dieser Basis neu zu stellen.

Christopher SCHELLETTER (Tokyo)
‚Falsche Freunde‘: Wohnen in der Bergwelt zwischen Liebe und Tod – Thomas Manns „Zauberberg“ und Hori Tatsuos „Kaze tachinu“
Das Setting: Zwei Sanatorien für Tuberkulose-Kranke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das eine in den europäischen, das andere in den Japanischen Alpen. Das eine liegt bei Davos, seit jeher Treffpunkt der europäischen Bourgeoisie, das andere in der Nähe von Karuizawa, einem ebenfalls gehobenen Kurort, der in der Meiji-Zeit von reichen Ausländern als Höhenluft-Idylle entdeckt wurde. Hier wohnen die Protagonisten aus Thomas Manns „Zauberberg“ (1924)  und Hori Tatsuos „Der Wind hebt sich“ (Kaze tachinu, 1936-1937) in einem veränderten Wahrnehmungsmodus: Herausgerissen aus dem profanen Leben drängen sich nun vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Todes die essentiellen Fragen des Lebens zum Umgang mit Krankheit und Liebe auf. Jederzeit mit dem Tod konfrontiert arrangiert man sich mit ihm und vermag sogar eine Lust an der Krankheit zu entwickeln. Die Exposition mit diesem „gesteigerten“ (Zauberberg) Lebenszustand in Verbindung mit dem hermetischen Charakter der Bergwelt machen die Rückkehr der Protagonisten in das Alltagsleben der Städte unmöglich.
Bei all diesen Gemeinsamkeiten zwischen den Texten stellt sich unweigerlich die Frage einer Beeinflussung des früheren auf den späteren Bergwelt-Roman. Es mag überraschen, dass es keineswegs – wie oft fälschlicherweise angenommen – „Der Zauberberg“ war, der als Prätext für „Der Wind hebt sich“ fungierte, sondern, wie auch im Falle Thomas Manns, der Anstoß zur Niederschrift aus der Biographie des Autors hervorgeht. In seinem Film „Der Wind hebt sich“ (Kaze tachinu, 2013) – basierend unter anderem auf der gleichnamigen Literaturvorlage – lässt der Regisseur Miyazaki Hayao im japanischen Lungensanatorium einen Deutschen mit dem Namen Hans Castorp auftreten, was weiter zu der allgemeinen Annahme einer intertextuellen Beziehung zwischen den Texten Horis und Thomas Manns beiträgt.

Thomas SCHWARZ (Tokyo)
Inselstrände, Hütten und Meer. Zur Poetik des pazifischen Wohnraums
Bei Vergil ist der Wohnsitz der Seligen ein Ort der Freude und lieblichen Grüns („locos laetos et amoena virecta“). Georg Forster zitiert die Stelle prominent zu Beginn seines Tahiti-Kapitels, bevor er jenen Morgen beschreibt, den schöner schwerlich je ein Dichter beschrieben habe. Bei der Insel handle es sich um einen der „glücklichsten Winkel der Erde“. Forster rühmt auf Tahiti die „Gastfreyheit, die wir in jeder Hütte“ fanden. In der Poetik des pazifischen Raums spielt die ‚Hütte auf der Insel‘ eine wichtige Rolle (Bachelard). Der Vortrag vergleicht ausgehend von Forster Reiseberichte wie den von François Galaup de La Pérouse oder Adelbert von Chamisso mit verschiedene Südsee-Szenographien, in denen prominent Hütten platziert sind. Sie fungieren auch als der Ort, an dem die Bewohner der Südsee den europäischen Gästen sexuelle Hospitalität gewähren. Der Vortrag vertritt vor diesem Hintergrund die These, dass auch der Schauplatz von Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig, insbesondere der Lido di Venezia, nicht einfach nur im Mittelmeer, sondern auch in der imaginären Geographie des Pazifiks zu suchen wäre. An einer Stelle präzisiert der Erzähler, dass der Ort seinen Protagonisten verzaubere und glücklich mache. Aschenbach fühlt sich „entrückt ins elysische Land, an die Grenzen der Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee ist und Winter noch Sturm“. Hier liegt der Künstler „unter dem Schattentuch seiner Hütte, hinträumend über die Bläue des Südmeers“.

Jiyoung SHIN (Seoul)
Unterwegssein am Rande „Europas“ – Robert Musils Prosa aus den 20er Jahren
Wenn man die These, dass die Moderne mit dem „Verschwinden“ , die Postmoderne dagegen mit der „Rückkehr des Raumes“ zu tun habe (Schroer), ernst nimmt, muss es sich bei Robert Musil um einen Autor der Moderne handeln, zumindest angesichts seines Hauptwerkes Der Mann ohne Eigenschaften (1930/32). Denn in dem Roman streitet Musil ausdrücklich die Bedeutsamkeit des Ortes der Handlung ab: „Es soll also auf den Namen der Stadt kein besonderer Wert gelegt werden.“ Dem Handlungsort wird nur soweit Bedeutung beigemessen, als Wien „wie alle großen Städte“ (MoE) beschaffen ist. Diese ‚Ortslosigkeit’ des Romans spiegelt die Homogenität der modernen Welt wider, deren Raumverhältnis durch Kapitalismus, Industrialismus, und Bürokratisierung gestaltet wird. Das „nach gründlicher Laboratoriumserfahrung ausgewogen[e]“ (MoE) Raumverhältnis der Großstädte reguliert das Leben der Menschen, macht es gleichförmig und bringt auch die Seele auf einen gemeinsamen Nenner: „Es war die überall gleiche Einheitsmasse von Seele: Europa“ (Grigia), wobei „Europa“ als Chiffre für die moderne Welt zu verstehen ist.
In Gegensatz zum MoE zeigt Musils Prosa aus den 20er Jahren quasi eine räumliche Wendung: in Grigia und in Die Portugiesin (1924) rücken Orte in den Vordergrund und einige Geschichten der Bilder aus dem Nachlass zu Lebzeiten (1936) tragen sogar den Namen des Ortes im Titel. Hier sind die Hauptfiguren oder der Erzähler als Soldat oder als Tourist unterwegs in Südtirol, in Rom, in Slowenien, an der Ostsee und auf einer Insel. Hier am Rande „Europas“ ist der Mensch vom Zwang des Raumes befreit und neue Konstellationen werden entdeckt. Es sind  „andere“ Orte und Zeiten, die die üblichen Beziehungen „suspendieren, neutralisieren oder in ihr Gegenteil verkehren“, also „Heterotopien“  oder „Heterochronien“ (Foucault). Insofern erprobt Musils aus den 20er Jahren stammende Prosa die Möglichkeit der Literatur als eine Praxis der Raumproduktion im Sinne von Lefevre.

Jan STRASSHEIM (Tokyo)
Ohne Netz und doppelten Boden: Zur Dynamik der Raumerfahrung bei Schütz und Nishida
Nach dem Philosophen und Soziologen Alfred Schütz (1899–1959) ist Raum nicht zu trennen von Raumerfahrung. Raum wird in der individuellen und zugleich immer schon sozialen Erfahrung konstituiert. Im Mittelpunkt steht dabei das alltägliche Handeln. Schütz, Veteran des Ersten Weltkriegs und jüdischer Emigrant, zeigt anhand der Figuren des „Heimkehrers“ und des „Fremden“, dass Routinen das alltägliche Handeln strukturieren, dass diese Routinen sich zugleich aber im Handeln ständig verändern. Damit ist auch die Raumerfahrung des Alltags dynamisch. Jedes „Wohnen“ schließt in diesem Sinn ein „Unterwegssein“ mit ein. Mit Henri Bergson und später Edmund Husserl sucht Schütz herauszuarbeiten, wie sich in der Dynamik der Erfahrung so etwas wie ein fester Raum mit dem eigenen Körper als einem „Ding“ im Raum erst herausbildet. Konsequent warnt er vor „räumlichen und daher inadäquaten Metaphern“, die der Erfahrung eine bereits fertig konstituierte Räumlichkeit unterstellen. Dennoch verwendet Schütz selbst eine Reihe räumlicher Metaphern, die sich bei späteren Autoren (z.B. Jürgen Habermas) weiter verfestigen: Die „Lebenswelt“ verdichtet sich zu einem „Boden“, ihre „Strukturen“ gerinnen zu einer „Landschaft“ mit „Provinzen“, „Grenzen“ und gar „Höhenlinien“. Diese Metaphorik hat, so die Vermutung, mit einer übermäßigen Betonung des Routinecharakters von Erfahrung anstatt ihrer Dynamik zu tun, mit einem Akzent auf der Wiederholung anstelle des Wandels. Dass das nicht alternativlos ist, legt ein Vergleich mit der Philosophie von Nishida Kitaro (1870–1945) nahe. Nishida kritisiert eine verbreitete philosophische Vorliebe für das Feste, Wiederholbare und Dinghafte und schlägt statt dessen eine Dialektik von Wiederholung und kreativer Veränderung vor, in der keiner der beiden Seiten ein Primat zukommt. Vor diesem Hintergrund Hintergrund sollte man auch die räumliche Metaphorik bei Nishida selbst hinterfragen, der das Prinzip dieser Dialektik ausgerechnet als „Ort“ (japanisch: basho) bezeichnet.

Midori TAKATA (Kyoto)
Unterwegssein und Wohnen im Orient – Thomas Manns „Josephsroman“
In Thomas Manns Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ (1925-1943), in der die Geschichte von Jaakob und Joseph aus der Genesis (die Kapitel 12-50) nacherzählt und ausgeschmückt wird, kann man drei Beispiele für die Spannung zwischen Unterwegsseins und Wohnen finden. Das erste Beispiel ist der Mondwanderer aus Ur. Er tritt später als Abraham auf und entdeckt seinen ‚persönlichen‘ Gott. Das zweite Beispiel ist Jaakob, der seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht betrügt und infolgedessen aus der Heimat flüchten muss. Das dritte Beispiel ist Joseph, der vor seinen Brüdern mit seinen Träumen prahlt und von ihnen in den Brunnen geworfen und dann nach Ägypten verkauft wird.
In der Bibel verläßt Abraham auf Gottes Befehl seine Heimat. Gott hat ihm versprochen, dass das Land seiner Nachkommenschaft gegeben wird. Im Roman lässt Mann dieses Versprechen weg. Der Roman endet mit der Versöhnung zwischen Joseph und seinen Brüdern bei Jaakobs Beerdigung, während die Genesis bis zum Tod Josephs erzählt. Im Unterschied zur Bibel, in der Joseph am Ende um die Beerdigung in seiner Heimat bittet, geht er mit seinen Brüdern nach Ägypten zurück. Auch die letzte Szene des Romas zeigt, dass das Unterwegssein ins verheißenen Land bei Thomas Mann nicht im Vordergrund steht.
Das Unterwegssein bedeutet im Roman nicht die Reise ins verheißene Land, sondern die Entdeckung eines Gottes, der immer mit seinem Volk reist und dieses Volk durch seine Anwesenheit schützt.
Andererseits spielt die Segenserbschaft, genau wie in der Bibel, im Roman auch eine entscheidende Rolle. Jaakob wollte eigentlich Joseph dieses Erbe zudenken. Aber seine Rolle in der Heilsgeschichte wird an seinen Bruder Juda übergegeben. Das hat einen engen Zusammenhang mit „Wohnen“. Die Beschreibung von Josephs ‚ägyptischem‘ Aussehen, seine Heirat mit einer ägyptischen Frau, die sogar Tochter eines ägyptischen Priesters ist, seine Wohnung und sogar die Einbalsamierung seines Vaters Jaakob nähern ihn dem Pol des Wohnens an.
In meinem Vortrag betrachte ich anhand dieser drei Beispiele das Spannungsfeld von Unterwegssein und Wohnen und versuche die Bedeutung dieses Spanngsfelds im Romankontext zu analysieren.

Michael WETZEL (Bonn)
Unterwegs in der Oekumene: Augustin Berques west-östliche Transtopologie
Der französische Kulturgeograph, Orientalist, Philosoph, Architektur- und Stadttheoretiker Augustin Berque hat sein umfangreiches Werk seit Jahren unter das Motto einer „Oekumene“ gestellt (cf.: „Écoumène. Introduction à l’étude des milieux humains, Paris 1987/2015). Er leitet den Begriff vom griechischen Ausdruck für die bewohnte Erde ab und definiert seine Bedeutung als Beziehung der Menschheit zur irdischen Umwelt. In diesem Sinne verstehen sich auch die anderen, abgeleiteten Konzepte der „mésologie“ (von griechisch mésos für milieu) und der „médiance“ (von medium), die immer wieder auf den Ansatz zurückverweisen, den Watsuji Tetsuro in seinem Buch „Fudo“ als Zusammenspiel von Umwelt und Kultur in der menschlichen Existenz entwickelte (cf.: „Médiance de milieux en paysages, Paris 1990/2000).
Es geht um eine dynamische Raumerfahrung, die im Zeichen einer fundamentalen Zeitlichkeit steht und im Sinne der Fundamentalontologie Martin Heideggers mit Vorstellungen der Mitte, des Versammelnden, des Zwischenraums und des Unterwegsseins operiert. An die griechische Philosophie anschließend, wendet sich Berque also vom aristotelischen Ortungskonzept des topos ab und greift den platonischen Begriff der chora wieder auf als eine Figur des Übergangs zwischen Sein und Werdens.
Im Rahmen dieser Suche nach Passagen erfolgt auch seine Kontrastierung westlicher und östlicher Raumvorstellungen, die er vor allem am japanischen Denken von „ma“ und „aida“ demonstriert. In ihm ereigne sich eine andere Verräumlichung von Zeit und Bewegung, ein anderes Bei-Wohnen von Natur und Kultur (cf. „Le sauvage et l’artifice. Les Japonais devant la nature“, Paris 1986). Zu diesem Zwecke benutzt Berque linguistische, soziale, aber auch architektonische und urbanistische Beispiele (cf. „Vivre l’espace au Japon“, Paris 1982; „Le sens de l’espace au Japon: Vivre, Penser, Bâtir“, Paris 2004, u. „Du geste à la cité. Formes urbaines et lien social au Japon“, Paris 1993). Im Sinne der Überwindung starrer Gegensätze zu einer „trajektiven“ Transtopologie scheut sich Berque auch nicht, traditionelle Vorstellungen des „fudo“ in ihren Verfallsformen einer postmodernen „Macdonaldisierung“ zu ortlosen Milieus kritisch zu beschreiben (cf. „Histoire de l’habitat idéal. De l’Orient vers l’Occident“ Paris 2010).
Der Vortrag will einen einführenden Überblick über dieses viel zu unbekannte faszinierende Werk bieten.

Hiroshi YAMAMOTO (Tokyo)
Junk Space im Zeitalter des Neoliberalismus. Eine poetologische Chronotopographie bei Kathrin Röggla
Der niederländische Architekt Rem Koolhaas bezeichnet Shoppingmalls, Messen und Flughäfen als „Junk Space“. Dieser Nicht-Ort markiert „das Ende der Aufklärung“, in deren Zeichen die moderne Architektur das Projekt zu realisieren versucht, „den Segen der Wissenschaft universell zu verbreiten“. Da man dank der neuen Baumaterialien und technischen Anlagen nun je nach Bedarf den Innenraum mühelos auf-,  ab-, und umbauen kann, hat der Junk-Space die ganze Welt überwuchert. Der Junk-Space, der das revolutionäre Potenzial in sich trägt, die Hierarchie durch Akkumulation zu ersetzen, ist allerdings insofern „promiskuitiv und zugleich repressiv“, als er „auf der generellen Beseitigung des kritischen Denkvermögens im Namen von Komfort und Vergnügen“ basiert ist.
Kathrin Röggla ist durch die kritische Auseinandersetzung mit der neoliberalen Welt zu einer anerkannten Repräsentantin des neuen Realismus avanciert. Als sie im Theaterstück „junk space“ (2004) diesen Nicht-Ort in Verwendung nahm, lag ihre Absicht nicht darin, die Konsumenten, die „ohne jegliche soziale Kontakte“ (Bauman) nichts als die Waren verfolgen, wieder für die theatralischen Gespräche tauglich zu machen. Sie geht vielmehr von der These aus, „wenn zwei sich nicht kloppen, das ist Drama“, um der Realität in der postfordistischen Gesellschaft gerecht zu werden, in der keine autonomen Individuen mehr leben und in der „Verantwortungen für Entscheidungen delegiert, mit dem Systemdruck erklärt bzw. gar naturalisiert“ werden. Der Junk Space dient ferner als Modell für die neue realistische Ästhetik. Es gelingt Röggla durch ihre pseudo-dokumentarische Schreibweise, zahlreiche „Sprachfloskeln“ zu zitieren und gleichzeitig zu hinterfragen, indem sie diese wie Module im Junk Space miteinander paart, um dann das Ineinanderfließen der Fiktionalität mit der Faktizität zur Schau zu stellen.

 

 

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